„Steigert eine Investition in unser Personal wirklich den Unternehmenswert?“ – Diese Frage stellt sich früher oder später jede Führungskraft. Im sogenannten Human-Capital-Management (jinteki shihon keiei) wird Geld, das in die Belegschaft fließt, nicht als Kostenposten, sondern als Investition in die Zukunft verstanden. Im Japanischen gibt es dafür sogar zwei unterschiedliche Schreibweisen desselben Wortes „jinzai“: Die gebräuchliche Variante 人材 verwendet das Schriftzeichen für „Material“ oder „Ressource“, während fortschrittliche Unternehmen zunehmend die Variante 人財 bevorzugen, die das Zeichen für „Schatz“ oder „Vermögen“ enthält. Der Wechsel von „Personal als Ressource“ zu „Personal als Schatz“ bringt einen Perspektivwechsel zum Ausdruck, der in diesem Artikel im Mittelpunkt steht: Mitarbeitende werden nicht verbraucht, sondern sind ein Vermögenswert, in den es sich zu investieren lohnt. Entscheidend ist zu verstehen, über welchen Mechanismus diese Investition tatsächlich zur Steigerung des Unternehmenswerts beiträgt. Dieser Beitrag erläutert die wichtigsten Zusammenhänge zwischen Personalinvestitionen, Geschäftsergebnis und Unternehmensbewertung.
Warum führt Investition in Humankapital zu höherer Produktivität und mehr Innovation?
Investitionen in das Personal sind sowohl für die Produktivitätssteigerung als auch für die Innovationskraft das verlässlichste Mittel, den Unternehmenswert zu steigern.
Wenn ein Unternehmen Geld und Zeit in die Weiterbildung und den Wissensaufbau der Belegschaft investiert, steigen Qualität und Menge dessen, was einzelne Mitarbeitende erarbeiten. Schult ein Unternehmen die gesamte Belegschaft in aktuellen IT-Technologien, steigt die betriebliche Effizienz, und neue digitale Werkzeuge ermöglichen völlig neue Dienstleistungsangebote. Auch Investitionen in Führungskräftetrainings für das mittlere Management zahlen sich aus: Sie holen mehr Leistung aus den unterstellten Teams heraus und heben die Produktivität der gesamten Organisation.
Im internationalen Vergleich wird häufig darauf hingewiesen, dass unzureichende Investitionen in Humankapital eine der Ursachen für die schwache Arbeitsproduktivität japanischer Unternehmen sind. Umgekehrt bedeutet das: Durch eine Stärkung der Personalinvestitionen besteht bei japanischen Unternehmen noch erhebliches Aufholpotenzial. Zum Vergleich: In Deutschland ist die betriebliche Weiterbildung seit Langem gesetzlich und tarifvertraglich stark verankert – etwa durch das Berufsbildungsgesetz, das Recht auf Bildungsurlaub in den meisten Bundesländern und die duale Ausbildung, die Betriebe seit Jahrzehnten zur kontinuierlichen Qualifizierung verpflichtet. Diese strukturelle Verankerung wird häufig als einer der Gründe für die vergleichsweise hohe deutsche Industrieproduktivität genannt.
Darüber hinaus wirkt sich Personalinvestition unmittelbar auf die Innovationsfähigkeit aus. Die Weiterentwicklung der Belegschaft und die Einstellung vielfältiger Talente bringen neues Wissen und neue Denkansätze ins Unternehmen. Der Ausbau der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie die Berufung von Fachkräften mit spezialisiertem Know-how beschleunigen die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen. Nachhaltige Steigerung des Unternehmenswerts ist ohne Innovation nicht denkbar, und Investitionen in Menschen sind die Quelle, aus der diese Innovation entspringt.
Wie verbessert eine stärkere Mitarbeiterbindung (Employee Engagement) die Geschäftsergebnisse?
Empirische Studien belegen, dass eine höhere Mitarbeiterbindung die operative Marge und die Arbeitsproduktivität signifikant steigert.
Je mehr ein Unternehmen seine Mitarbeitenden wertschätzt und in Weiterbildung sowie Sozialleistungen investiert, desto stärker entsteht das Gefühl, „vom Unternehmen geschätzt zu werden“ und „Entwicklungschancen zu erhalten“ – und desto höher steigen Motivation und Verantwortungsbewusstsein. In der Folge bringen sich Mitarbeitende eigeninitiativer mit eigenen Ideen ein, wodurch nicht nur die Produktivität steigt, sondern auch positive Nebeneffekte wie eine bessere Kundenbetreuung und stärkerer Teamgeist entstehen.
Zudem sinkt an Arbeitsplätzen mit hoher Mitarbeiterbindung die Fluktuation qualifizierter Fachkräfte, sodass über Jahre aufgebautes Können und Wissen im Unternehmen erhalten bleibt und ein stabiler Organisationsbetrieb möglich wird. Die Bindung von Personal senkt zugleich die Kosten für Neueinstellung und Einarbeitung. In Deutschland übernimmt strukturell oft der Betriebsrat im Rahmen der Mitbestimmung nach dem Betriebsverfassungsgesetz eine ähnliche Funktion: Er wirkt auf faire Arbeitsbedingungen hin und trägt so mittelbar zur Bindung von Fachkräften bei – ein institutioneller Mechanismus, den es in dieser Form in Japan nicht gibt.
Insbesondere in personalintensiven Dienstleistungsbranchen entsteht ein positiver Kreislauf: Investition in Mitarbeiterzufriedenheit führt zu Kundenzufriedenheit, diese wiederum zu besseren Geschäftsergebnissen. In das eigene Personal zu investieren bedeutet nichts anderes, als den stärksten Treiber für Ergebniswachstum selbst heranzuziehen.
Wie bewertet der Markt die Steigerung immaterieller Vermögenswerte?
Der überwiegende Teil des heutigen Unternehmenswerts speist sich aus immateriellen Vermögenswerten wie Personal, geistigem Eigentum und Marke – und der Kapitalmarkt bewertet diese „unsichtbaren Vermögenswerte“ hoch.
Ein herausragendes Team und hochentwickeltes Fachwissen sind ein Wettbewerbsvorteil, den andere Unternehmen nicht ohne Weiteres kopieren können. Unternehmen mit technisch versierten Entwicklerteams oder mit vielen Mitarbeitenden, die außergewöhnliche Servicequalität liefern, gelten als Unternehmen mit stabilem Wertschöpfungspotenzial für die Zukunft und werden vom Markt tendenziell mit hohen Wachstumserwartungen bewertet.
Durch die wachsende Bedeutung nachhaltiger Kapitalanlagen (ESG-Investments) fließen unternehmerische Aktivitäten im Bereich „S“ wie „Social“ zunehmend in Anlageentscheidungen ein. Unternehmen, die aktiv in Humankapital investieren, gelten als Unternehmen, die „ihre Mitarbeitenden wertschätzen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen“, und werden aus ESG-Perspektive positiv wahrgenommen. Ein vergleichbarer Mechanismus existiert in der EU mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die börsennotierte Unternehmen zur detaillierten Offenlegung sozialer Kennzahlen verpflichtet – strukturell näher an der japanischen Offenlegungspflicht, als es auf den ersten Blick scheint.
Seit 2023 ist in Japan die Offenlegung von Informationen zum Humankapital in den Wertpapierberichten (yūka shōken hōkokusho) verpflichtend, wodurch Investoren der Personalstrategie einzelner Unternehmen verstärkt Aufmerksamkeit schenken. Unternehmen, die frühzeitig auf die „Sichtbarmachung“ von Humankapital und eine strategische Investitionspolitik gesetzt haben, werden von langfristig orientierten institutionellen Investoren zunehmend hoch bewertet. In Deutschland erfüllt die nichtfinanzielle Erklärung nach dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz eine ganz ähnliche Funktion, wenn auch mit anderem gesetzlichem Rahmen und anderen Kennzahlen.
Was ist „Wise Investing“ – die Strategie, um die Wirkung von Personalinvestitionen zu maximieren?
Wise Investing bezeichnet eine „kluge Investition“, die stets die Wirkung im Verhältnis zum Aufwand im Blick behält, und bündelt begrenzte unternehmerische Ressourcen gezielt in den Bereichen mit dem höchsten Wirkungsgrad.
Um Wise Investing umzusetzen, sind folgende Schritte entscheidend:
- KPI-Festlegung und laufendes Monitoring: Regelmäßige Verfolgung der Produktivitätsveränderung von Teilnehmenden im Verhältnis zum Weiterbildungsbudget sowie der Fluktuationsentwicklung im Verhältnis zu Engagement-Maßnahmen
- Ausrichtung an der Unternehmensstrategie: Konzentration der Ressourcen auf jene Personalbereiche, die für den strategischen Durchbruch des eigenen Geschäftsmodells entscheidend sind
- „Sichtbarmachung“ von Humankapital: Aufbau einer Struktur, die den Zusammenhang zwischen Personalinvestition und Unternehmenswert datenbasiert darstellt und sowohl intern als auch extern erklärbar macht
Nicht ein wahlloses Investieren in alle Richtungen, sondern eine an der Strategie ausgerichtete Investition erzielt die höchste Rendite. Für Unternehmen, die frühzeitig mit der Sichtbarmachung von Humankapital und strategischer Investition begonnen haben, eröffnet sich zugleich die Chance, sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. In Deutschland verfolgt der Deutsche Corporate Governance Kodex mit seiner Empfehlung zur Nachfolgeplanung und Personalentwicklung im Vorstand einen ähnlich strategischen Grundgedanken, wenngleich mit engerem Anwendungsbereich.
Warum sollten Führungskräfte Personalinvestitionen langfristig denken?
Investitionen in Mitarbeitende sind kurzfristig ein Kostenfaktor, bringen dem Unternehmen jedoch mittel- bis langfristig enorme Erträge in Form von Produktivitätssteigerung, Innovationskraft, Mitarbeiterbindung und einer hohen Marktbewertung – sie sind eine strategische Investition.
Damit ein Unternehmen dauerhaft wachsen und kontinuierlich Wert schaffen kann, darf unter den drei klassischen Ressourcen Mensch, Sachkapital und Finanzkapital die Investition in „den Menschen“ nicht vernachlässigt werden. Führungskräfte müssen unter Nutzung wissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse klug entscheiden, wo begrenzte Ressourcen den größten Beitrag zum Unternehmenswert leisten.
Eine angemessene Investition in die Mitarbeitenden zahlt sich stets als Unternehmenswert aus. Im Wachstumsnarrativ eines Unternehmens sind die Mitarbeitenden die eigentlichen Hauptdarsteller, und großzügig in diese Hauptdarsteller zu investieren, ist der wirksamste Weg, Aktionären und Kundschaft gleichermaßen Wert zurückzugeben.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie schnell zeigen sich die Effekte von Personalinvestitionen?
Im Allgemeinen zeigen sich die Effekte von Schulungs- und Bildungsinvestitionen nach etwa sechs Monaten bis einem Jahr in Form gesteigerter Produktivität. Organisatorische Effekte wie höhere Mitarbeiterbindung und sinkende Fluktuation werden erst mittel- bis langfristig über ein bis drei Jahre sichtbar.
Wie lässt sich der ROI von Personalinvestitionen messen?
Er lässt sich messen, indem man die Produktivitätsveränderung von Schulungsteilnehmenden, die Entwicklung der Fluktuationsrate, Schwankungen im Engagement-Score sowie Veränderungen im Umsatz pro Mitarbeitendem als KPIs festlegt und regelmäßig überwacht.
Lohnen sich Personalinvestitionen auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)?
Gerade für KMU lässt sich sagen, dass die Wirkung besonders groß ist. In kleineren Unternehmen, in denen der Beitrag jeder einzelnen Person stark ins Gewicht fällt, schlägt sich die Weiterqualifizierung einzelner Mitarbeitender unmittelbar auf das Geschäftsergebnis nieder, sodass die Investitionsrendite tendenziell höher ausfällt.
Wie sollte man Stakeholdern den Zusammenhang zwischen Personalinvestitionen und Unternehmenswert erklären?
Es empfiehlt sich, die Ergebnisse und Wirkungen der Investition anhand von Kennzahlen zum Humankapital darzulegen – etwa Höhe der Weiterbildungsinvestitionen, Fluktuationsrate oder Engagement-Score. Die Offenlegung im integrierten Bericht oder im ESG-Report hat sich hierfür als gängige Praxis etabliert.
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