Wer in Japan an Bürogebäuden, Wohnhäusern oder Schulen vorbeigeht, entdeckt oft eine in die Fassade eingelassene Steinplatte mit dem eingemeißelten Schriftzug „定礎“. Man sieht dieses Zeichen erstaunlich häufig – und dennoch könnten die wenigsten erklären, wozu es eigentlich dient. Für deutschsprachige Leserinnen und Leser aus dem DACH-Raum ist der Vergleich naheliegend: Es handelt sich um das japanische Pendant zur europäischen Grundsteinlegung. Dieser Beitrag beantwortet zunächst kurz, was teiso (定礎) bedeutet und wie man es liest, und ordnet danach aus der Perspektive von Immobilienfachleuten alles Weitere ein – den Zweck der Anbringung, die Geschichte, den Inhalt von Gedenkplatte und Zeitkapsel, den Zeitpunkt des Öffnens sowie den Ablauf der Grundsteinzeremonie.
Teiso (定礎) bezeichnet den Akt, den Grundstein – im Japanischen ishizue (礎), also den tragenden Fundamentstein – festzulegen; zugleich meint das Wort die zum Gedenken daran in die Gebäudewand eingelassene Steinplatte selbst, die „teiso-ban“ (定礎板, Gedenkplatte des Grundsteins). Gelesen wird das Wort „teiso“. Angebracht wird die Platte als Andenken an die „teiso-shiki“ (定礎式, Grundsteinzeremonie), bei der man einen unfallfreien Bauverlauf und das langfristige Gedeihen des Gebäudes erbittet. Hinter der Platte kann – ähnlich wie eine Zeitkapsel – eine „teiso-bako“ (定礎箱, Grundstein-Kassette) eingemauert sein, in der Dokumente aus der Bauzeit ruhen. Anders als etwa Brandschutz- oder Statikvorschriften unterliegt die Anbringung keiner gesetzlichen Pflicht; sie ist ein alter Brauch, der bis heute weitergetragen wird. Genau hier liegt eine erste Parallele zum deutschsprachigen Raum, wo die Grundsteinlegung ebenfalls keine baurechtliche Auflage, sondern eine freiwillig gepflegte Tradition ist.
Die Kernpunkte dieses Artikels
- Teiso wird „teiso“ gelesen und bezeichnet eine Gedenkplatte mit der Bedeutung „den Grundstein (Fundamentstein) festlegen“.
- Sie ist das Andenken an die Grundsteinzeremonie, mit der man Bausicherheit und ein langes Gebäudeleben erbittet – eine gesetzliche Anbringungspflicht besteht nicht.
- Hinter der Gedenkplatte kann eine Grundstein-Kassette eingemauert sein, die Baupläne, Zeitungen, Münzen und Ähnliches enthält.
- Die Grundstein-Kassette wird grundsätzlich erst bei Umbau oder Abriss des Gebäudes zum ersten Mal geöffnet.
- Als Anbringungsort ist heute die Nähe des Haupteingangs vorherrschend; früher galt die südöstliche Gebäudeecke als üblich.
Was ist Teiso? Lesung und Bedeutung
Teiso bezeichnet das Festlegen des Fundamentsteins (ishizue, 礎), der in das Gebäudefundament gesetzt wird, sowie – daran erinnernd – die in die Wand eingelassene Steinplatte, die „teiso-ban“ genannt wird. Halten wir zunächst die Lesung und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes fest. Während im Deutschen der „Grundstein“ ein zusammengesetztes Wort mit unmittelbar verständlichem Sinn ist, verbirgt sich hinter dem japanischen Schriftzeichenpaar eine eigene kulturelle Tiefenschicht, die es sich zu entfalten lohnt.
Die Lesung von Teiso ist „teiso“
Teiso liest man „teiso“. Man begegnet gelegentlich auch den Lesarten „jōseki“ oder „jōso“, doch die korrekte Aussprache lautet „teiso“. Da das Wort im Alltag selten fällt, ist die Unsicherheit über die richtige Lesung durchaus verständlich – vergleichbar mit deutschen Fachbegriffen aus dem Bauwesen, deren korrekte Aussprache selbst Muttersprachlern nicht immer geläufig ist.
Die Bedeutung von Teiso ist „den Grundstein festlegen“
Teiso bedeutet wörtlich „den Grundstein (ishizue) festlegen“. Der ishizue ist der Fundamentstein, der unter die tragende Säule gesetzt wird. Bei den früheren Holzbauten Japans hätte eine direkt in den Boden gestellte Säule die Feuchtigkeit von Regen und Schnee aufgesogen; das Holz wäre verrottet und leicht von Termiten befallen worden. Deshalb setzte man einen Fundamentstein und stellte die Säule darauf – so hielt das Gebäude länger. Für deutschsprachige Leser ist das ein wesentlicher konstruktiver Unterschied: Während der mitteleuropäische Massivbau traditionell auf gemauerten Streifenfundamenten aus Stein und später Beton ruht, verteilte die japanische Holzbauweise die Lasten über einzelne Punktfundamente aus behauenen Natursteinen.
Das Festlegen der Position dieses Fundamentsteins war der Ausgangspunkt jeder Bautätigkeit. Eben deshalb wird „ishizue“ im Japanischen auch metaphorisch für das „Fundament einer Sache“ gebraucht – ganz ähnlich wie im Deutschen der „Grundstein“, den man für ein Vorhaben legt. Teiso ist damit ein Wort, das den Beginn eines Gebäudes mit dem Wunsch nach seinem langen Fortbestand verbindet.
Wozu wird Teiso angebracht?
Der Zweck, Teiso anzubringen, liegt darin, einen sicheren Bauverlauf und das Gedeihen des Gebäudes zu erbitten und diesen baulichen Meilenstein für die Nachwelt festzuhalten. Kennzeichnend ist, dass die Platte keine praktische Funktion erfüllt, sondern die Bedeutung von Andenken und Gebet trägt – ein Zug, den sie mit der europäischen Grundsteinlegung teilt, die ebenfalls rein zeremoniell und nicht statisch begründet ist.
Bedeutung als Andenken an den Baubeginn und als Gebet
Heutige Gebäude bestehen aus Stahlbeton oder Stahl; die Notwendigkeit, hölzerne Säulen durch Fundamentsteine zu schützen, ist nahezu verschwunden. Rein technisch betrachtet hat die praktische Rolle des Fundamentsteins, den Teiso einst markierte, an Bedeutung verloren. Und dennoch bleibt der Wunsch derselbe: den Bau unversehrt zu vollenden und das Gebäude lange nutzen zu können. Die Gedenkplatte übernimmt die Aufgabe, diesen Wunsch und den baulichen Wendepunkt an die Nachwelt weiterzugeben.
Deshalb hat der Teiso der jüngeren Zeit weniger den Charakter eines Startsignals als vielmehr den einer Vollendungsfeier. Man hält die Zeremonie ab, wenn der Bau bereits ein gutes Stück fortgeschritten ist, und hält als Aufzeichnung fest, dass das Gebäude unversehrt Gestalt angenommen hat. Dieser Charakter des „Gedenkens“ bildet den Kern des modernen Teiso. Anders als bei der klassischen deutschen Grundsteinlegung, die betont am Anfang des Baus steht, hat sich der japanische Brauch also zeitlich nach hinten in Richtung Fertigstellung verschoben.
Gestaltung der Gedenkplatte und das eingemeißelte Datum
Für die Gedenkplatte werden häufig schwarze, graue oder braune Gesteine verwendet; passend zum Gebäude wählt man zuweilen auch hellen Stein oder Edelstahl. Die Schrift wird in der Regel in der Mincho-Schrift (明朝体, einer serifenbetonten japanischen Standardschrift, dem Antiqua-Stil vergleichbar) eingemeißelt und oft nicht farblich ausgelegt, sodass sie je nach Steinfarbe kaum auffällt.
In die Platte wird fast immer ein Datum eingemeißelt. Früher war es das Datum des Baubeginns; wie später erläutert, wird zunehmend das Datum der Grundsteinzeremonie eingraviert. Ob nach gregorianischem Kalender oder japanischer Ären-Zählung (wareki, 和暦, die Zeitrechnung nach Regierungsdevisen der Kaiser), ob bis zum Monat oder bis zum Tag genau – die Schreibweise variiert von Gebäude zu Gebäude. Für DACH-Leser ist die Doppeldatierung bemerkenswert: In Japan stehen der westliche und der Ären-Kalender selbstverständlich nebeneinander, während in Mitteleuropa ausschließlich der gregorianische Kalender gebräuchlich ist.
In jüngerer Zeit haben sich auch Gedenkplatten verbreitet, die sich nicht an die Grundform halten. Manche tragen eine Unternehmensphilosophie oder ein Sinnwort, manche schreiben „teiso“ in der Silbenschrift Hiragana, manche zeichnen mit Fliesen ein Muster – der gestalterische Spielraum ist groß geworden. Es gibt zurückhaltende Ausführungen aus Edelstahl und solche, die den Schriftzug „定礎“ gar nicht enthalten; ohne genaues Hinsehen erkennt man sie oft nicht als Teiso. Manche Menschen machen sich sogar ein Vergnügen daraus, beim Spaziergang durch die Stadt nach verschiedenen Gedenkplatten Ausschau zu halten – Stadtviertel mit vielen Gebäuden und Einrichtungen sind in diesem Sinne durchaus sehenswert. Wer in Wien, Zürich oder Berlin an Fassaden gern die Bauzahlen und Bauinschriften liest, wird diese Sammelfreude sofort nachempfinden können.
Wo wird Teiso angebracht?
Für den Anbringungsort von Teiso gibt es keine strenge Regel, doch heute ist es vorherrschend, die Platte an gut sichtbarer Stelle in der Nähe des Haupteingangs zu setzen. Früher galt die südöstliche Gebäudeecke als üblich. Der Nordosten wurde als kimon (鬼門, das „Dämonentor“, eine als unheilbringend geltende Himmelsrichtung) und der Südwesten als „hinteres Dämonentor“ betrachtet; die diese Richtungen meidende, als glückverheißend geltende Lage war der Südosten. Dabei handelt es sich jedoch um einen Brauch, nicht um eine klare Vorschrift zur Himmelsrichtung. Anders als der deutschsprachige Raum, der solche Richtungs-Tabus nicht kennt, wirkt hier eine ostasiatische Geomantie nach, die von Feng Shui bis zur Hausausrichtung reicht – ein kulturelles Detail, das internationalen Investoren zeigt, wie stark symbolische Werte in Japan bis heute in ganz praktische Bauentscheidungen hineinreichen. Nicht nur bei Büro- und Wohngebäuden, auch bei Schulen, Krankenhäusern und Geschäftsbauten gibt es hinsichtlich der Gebäudeart keinerlei Einschränkung.
Geschichte und Herkunft von Teiso
Der Ursprung von Teiso liegt nicht in Japan, sondern soll bis zu den Steinbauten des Alten Orients zurückreichen. In Japan hat der Brauch vergleichsweise spät Wurzeln geschlagen – erst ab der Meiji-Zeit. Für DACH-Leser ist das insofern aufschlussreich, als die europäische Grundsteinlegung ihre Wurzeln in derselben mediterran-antiken Tradition hat; japanischer und europäischer Brauch entstammen also demselben Stamm und wuchsen erst später auseinander.
Die Wurzeln liegen im alten Mesopotamien
Die Wurzeln von Teiso sollen im Steinbau der mesopotamischen Hochkultur vor mehreren tausend Jahren liegen. Damals behandelte man den Fundamentstein als Bezugspunkt zu Baubeginn. In der Folge, so nimmt man an, entwickelte sich in der Zeit des antiken Griechenlands und Roms daraus eine Zeremonie: Man ritzte in den maßgeblichen Stein des Gebäudes ein Zeichen und betete um einen reibungslosen Bauverlauf und langen Bestand. Damit teilen der japanische Teiso und die abendländische Grundsteinlegung dieselbe antike Herkunft – ein selten bewusst gemachter kultureller Berührungspunkt zwischen Japan und Europa.
In Japan seit der Meiji-Zeit heimisch
In Japan verbreitete sich Teiso in der Meiji-Zeit (明治, 1868–1912, der Periode der Öffnung und Modernisierung nach Jahrhunderten der Abschottung). Im Zuge der Modernisierung nach der Landesöffnung entstanden zahlreiche Bauten westlicher Prägung; über die für Entwurf und Bauleitung verantwortlichen westlichen Bauingenieure gelangte, so die Überlieferung, die Kultur des Teiso ins Land. Auch der Brauch, hinter der Platte eine Grundstein-Kassette mit Dokumenten einzumauern, soll um das Ende der Meiji-Zeit begonnen haben. Mit der Zeit veränderte sich die Form der Anbringung allmählich – etwa dahingehend, dass man die Platte nicht mehr zu Baubeginn, sondern in der Endphase der Bauarbeiten setzte. Interessant für deutschsprachige Leser: Es waren nicht zuletzt europäische Fachleute, die diesen ursprünglich europäisch geprägten Brauch nach Japan brachten, wo er sich anschließend eigenständig weiterentwickelte.
Was befindet sich im Inneren von Gedenkplatte und Grundstein-Kassette?
Hinter der Gedenkplatte kann ein Behälter namens „teiso-bako“ (定礎箱, Grundstein-Kassette) eingemauert sein, in dem Dokumente und Andenken aus der Bauzeit ruhen. Dies dürfte der faszinierendste Teil des Teiso sein. Im deutschsprachigen Raum entspricht dem die „Grundsteinrolle“ oder die in den Grundstein eingelegte Zeitkapsel – die inhaltliche Verwandtschaft ist hier besonders eng.
Wo befindet sich die Grundstein-Kassette?
Die Gedenkplatte ist in die Gebäudewand eingelassen, und die Grundstein-Kassette ist dahinter eingemauert. Als Material werden häufig korrosionsbeständiges Kupfer oder Edelstahl verwendet, mitunter auch Holz. Durch hohe Dichtigkeit soll das Innere über lange Zeit geschützt bleiben – ein Prinzip, das auch die europäische Zeitkapsel verfolgt, bei der man Dokumente traditionell in eine luftdicht verlötete Metall- oder Glashülse legt.
Typische Gegenstände in der Grundstein-Kassette
Was in die Grundstein-Kassette kommt, ist nicht festgelegt; man wählt Dinge, die der Nachwelt das Bild der Bauzeit vermitteln. Sie übernimmt damit die Rolle einer Zeitkapsel. Typischerweise werden folgende Gegenstände genannt:
- Baupläne des Gebäudes
- eine Namenstafel mit den Namen des Bauherrn und der am Bau Beteiligten
- Fotografien während des Baus oder zur Fertigstellung
- die Zeitung des Tages, an dem die Grundsteinzeremonie stattfand
- damals umlaufende Münzen und Banknoten
- ein Amulett der örtlichen Schutzgottheit (ujigami, 氏神, der shintoistischen Schutzgottheit eines Ortes)
- eine für die jeweilige Zeit charakteristische Zeitschrift oder ein Gegenstand
Nicht nur bei großen Bauten wie Bürogebäuden oder Fabriken, auch bei privaten Einfamilienhäusern findet man in jüngerer Zeit Beispiele, in denen eine Grundstein-Kassette eingelegt wird. Der Inhalt neigt dann zu Aufzeichnungen, die nur diesem einen Haus eigen sind – der Bauplan des eigenen Hauses, die Zeitung zur Fertigstellung, Familienfotos, Briefe der Kinder. Was hineinkommt, hat keine richtige Lösung; man wählt am besten Dinge, an denen die Familie sich beim späteren Öffnen an die damalige Zeit erinnern kann. Wer im DACH-Raum schon einmal bei einem privaten Neubau eine Zeitkapsel für die Kinder eingemauert hat, kennt genau dieses Motiv.
Damit die eingelegten Dokumente lange in gutem Zustand bleiben, sind ein gut abgedichteter Behälter und Vorkehrungen gegen Feuchtigkeit unerlässlich. Da Papier mit der Zeit leicht Schaden nimmt, ist es ratsam, Fotos und Schriftstücke möglichst in ein widerstandsfähiges Material einzuschlagen.
Wann wird die Grundstein-Kassette geöffnet?
Geöffnet wird die Grundstein-Kassette grundsätzlich beim Umbau oder Abriss des Gebäudes. Es ist keineswegs selten, dass sie erst nach mehreren Jahrzehnten – bei großen Bauten fast nach hundert Jahren – zum ersten Mal geöffnet wird. Ähnlich verhält es sich mit europäischen Grundstein-Zeitkapseln, die oft erst bei einer Generalsanierung oder dem Abbruch nach Jahrzehnten wieder ans Licht kommen.
Deshalb wird der Inhalt der Grundstein-Kassette zu einer wertvollen historischen Quelle, die an die damalige Zeit erinnert. Im Zuge der Überlegungen zum Vorgehen und den Kostengesichtspunkten beim Abbruch geschichtsträchtiger Gebäude wird zuweilen eine Grundstein-Kassette entdeckt und als Nachricht aufgegriffen. Tatsächlich sind bislang aus Gebäuden überall im Land Grundstein-Kassetten zum Vorschein gekommen.
Die Paulownienholz-Kassette im Gebäude 5 der Präfekturverwaltung Miyazaki
In der Präfektur Miyazaki wurde beim Umsetzen (Gebäudeverschiebung, hikiya) des 1926 als Sitz der früheren Miyazaki-Landwirtschafts- und Gewerbebank errichteten Gebäudes 5 der Präfekturverwaltung eine Kassette aus Paulownienholz gefunden. Dieses Gebäude war als Dokumentenzentrum der Präfektur genutzt worden; da auf dem Areal ein Verwaltungsgebäude für den Katastrophenschutz entstehen sollte, wurde es zum Erhalt des historischen Bauwerks für die Nachwelt versetzt. In der hinter der Gedenkplatte ruhenden Kassette lagen eine silberne Gedenkplakette zum Teiso, die Zeitung aus der Zeit der mutmaßlichen Grundsteinzeremonie sowie damals umlaufende Münzen. Der nach rund 90 Jahren erstmals geöffnete Inhalt wird als Quellenmaterial bewahrt und öffentlich gezeigt und vermittelt bis heute das Bild der Bauzeit. Dass ein historisch bedeutsames Bauwerk lieber verschoben als abgerissen wird, erinnert an den im DACH-Raum stark verankerten Denkmalschutz.
Die kupferne Grundstein-Kassette im früheren Hauptsitz von IBM Japan
Im früheren Hauptsitzgebäude von IBM Japan (Fertigstellung 1971), das im Zuge einer Neuentwicklung abgerissen wurde, fand sich hinter der Gedenkplatte eine kupferne Grundstein-Kassette. In dem fest verschlossenen Behälter lagen die Tageszeitung und eine englischsprachige Zeitung aus der Zeit der Fertigstellung, eine Fachzeitung der Baubranche, ferner die Baupläne des Gebäudes, Fotografien zur Fertigstellung sowie eine Messingtafel mit den Namen der Beteiligten. Berichtet wird, dass auch aus baugeschichtlicher Sicht wertvolle Unterlagen bestätigt wurden – etwa die auf den Bauplänen erhaltene Signatur des Architekten. Von der Existenz der Grundstein-Kassette wusste man selbst im Unternehmen kaum, und beim Öffnen soll ein Ruf des Erstaunens laut geworden sein.
Die in der Universität Tokio entdeckte Grundstein-Kassette der Meiji-Zeit
An der Universität Tokio wurde im Rahmen einer mit dem Bau der neuen Bibliothek verbundenen Untersuchung im Ziegelfundament der beim Großen Kantō-Erdbeben abgebrannten alten Bibliothek eine metallene Grundstein-Kassette gefunden. In ihr lag eine in das Amtsblatt vom Jahr Meiji 23 (1890) eingeschlagene Metallplatte, in die eingemeißelt war, dass die Bibliothek der Kaiserlichen Universität fertiggestellt worden sei, sowie die Namen von Bauleiter und Architekt. Da der Architekt bis dahin nicht bestimmt gewesen war, erregte der Fund als wertvolle Quelle Aufmerksamkeit. Beispiele, in denen aus einem Gebäude der Meiji-Zeit eine Grundstein-Kassette bestätigt wurde, sind selten; man betrachtet den Fund als bedeutsam für die Nachzeichnung der japanischen Baugeschichte.
Die beim Neubau eines Universitätscampus gefundene Grundstein-Kassette
Auch auf dem Neyagawa-Campus der Osaka Electro-Communication University wurde vor dem Abriss eines 1967 fertiggestellten Schulgebäudes hinter der Gedenkplatte eine metallene Grundstein-Kassette entnommen. In dem doppelwandig ausgeführten Behälter lagen eine Namenstafel, Visitenkarten der am Bau beteiligten Menschen, die Baupläne des Campus, damals umlaufende Münzen sowie die Zeitung vom Tag der Fertigstellung. Die ein halbes Jahrhundert lang schlummernden Unterlagen wurden allesamt als wertvolle, jene Zeit vermittelnde Aufzeichnungen aufgenommen.
Diese Funde zeigen, dass die Grundstein-Kassette nicht bloß ein Andenken, sondern auch eine historische Quelle ist, die Aufzeichnungen der damaligen Zeit bis heute überliefert. Während in der Metropolregion und andernorts der Neubau alter Gebäude voranschreitet, wird vielleicht auch jetzt irgendwo eine Grundstein-Kassette geöffnet. Man könnte sagen, sie lehrt uns still den Wert der Zeit selbst, die ein Gebäude angesammelt hat – ein Gedanke, der internationalen Investoren vor Augen führt, dass japanische Immobilien nicht nur physische Anlagegüter, sondern auch Träger einer erzählbaren Geschichte sind.
Was für eine Zeremonie ist die Teiso-shiki?
Die teiso-shiki (定礎式, Grundsteinzeremonie) ist ein Ritus, bei dem man zeitgleich mit dem Setzen der Gedenkplatte in das Gebäude um einen unfallfreien Bauverlauf und das Gedeihen des Gebäudes betet. Häufig wird dazu ein Shintō-Priester (kannushi) aus einem Schrein eingeladen; die Zeremonie zählt zu den mit dem Bauen verbundenen Festritualen. Anders als die deutschsprachige Grundsteinlegung, die je nach Bauherr weltlich, katholisch oder evangelisch ausgestaltet sein kann, steht der japanische Ritus im Rahmen des Shintō – ein guter Beleg dafür, wie eng bauliche und religiöse Praxis in Japan verwoben sind.
Der Zeitpunkt der Teiso-shiki
Da Teiso ursprünglich das Festlegen des Grundsteins meint, wäre der stimmige Zeitpunkt eigentlich der Baubeginn gewesen. Weil das moderne Bauverfahren jedoch keinen Arbeitsschritt zum Setzen eines Fundamentsteins mehr kennt, ist es üblich geworden, die Zeremonie abzuhalten, wenn der Bau in die Endphase eingetreten oder die Fertigstellung nahe ist. Dass das in die Platte gemeißelte Datum nicht zwingend der Baubeginn ist, hat genau hierin seinen Grund. Deutschsprachige Leser sollten sich das gut merken: Anders als die Grundsteinlegung im DACH-Raum, die klar am Anfang steht, findet die japanische Zeremonie oft erst gegen Bauende statt.
Der grobe Ablauf der Teiso-shiki
Bei der Teiso-shiki nimmt man vor dem Einsetzen der Platte eine Reinigung vor und betet um einen unversehrten Bau und ein langes Gebäudeleben. Lädt man einen Shintō-Priester ein, durchläuft man zunächst shintoistische Riten – die Reinigung von Leib und Seele der Anwesenden (shubatsu, 修祓), den Ritus der Herabkunft der Gottheit, die Darbringung von Opfergaben (kensen, 献饌) und den Vortrag des Segensgebets (norito, 祝詞, der ritualisierten shintoistischen Gebetsformel) – und schreitet dann zum Ritus des Grundsteins fort.
Beim Ritus des Grundsteins verliest man zunächst Worte, die um das langfristige Gedeihen des Gebäudes bitten, hebt sodann den die Gedenkplatte verhüllenden Vorhang, gießt an die Einsetzstelle Mörtel und bettet die Platte ein. Grundsätzlich prüft man, ob die Platte waagerecht und senkrecht korrekt sitzt, und schließt damit das Setzen ab. Zum Abschluss der Zeremonie bringen die Anwesenden einen tamagushi (玉串, einen mit Papierstreifen geschmückten Sakaki-Zweig als shintoistische Opfergabe) dar, beten um den Schutz von Grund und Beteiligten und vollziehen den Ritus, mit dem die Gottheit verabschiedet wird. Freilich sind dies nur repräsentative Formen; je nach Gebäude und Auffassung des Bauherrn wird nicht selten vereinfacht.
Unterschied zu Jichinsai und Jōtōshiki
An den Wendepunkten eines Baus gibt es neben der Teiso-shiki noch weitere Riten. Da sie leicht zu verwechseln sind, ordnen wir die Unterschiede. Für DACH-Leser hilft der Vergleich mit vertrauten Bräuchen wie der Grundsteinlegung und dem Richtfest:
- Jichinsai (地鎮祭, Grundbruch- bzw. Bodenweihe-Ritus): Wird vor Beginn der Bauarbeiten abgehalten; man meldet der Gottheit des Grundstücks das Bauvorhaben und betet um Bausicherheit – entfernt vergleichbar dem ersten Spatenstich, jedoch als religiöser Ritus.
- Jōtōshiki (上棟式, Firstsetzungs-Ritus): Wird während des Baus abgehalten, wenn das Tragwerk aufgerichtet ist; man dankt für das unversehrte Aufrichten des Firstes und betet um weitere Sicherheit – das japanische Gegenstück zum deutschsprachigen Richtfest.
- Shunkōshiki (竣工式, Fertigstellungs-Ritus): Ein Ritus, mit dem man der Gottheit die Vollendung des Baus meldet; die Teiso-shiki wird häufig davor abgehalten.
Während das Jichinsai den „Beginn“ und das Shunkōshiki die „Vollendung“ feiert, ist die Teiso-shiki als Wendepunkt, der das Andenken an das Gebäude bewahrt, dazwischen angesiedelt.
Gibt es eine gesetzliche Pflicht zur Anbringung von Teiso?
Für die Anbringung von Teiso besteht keine gesetzliche Pflicht. Sie wird nicht durch das Baustandardgesetz (kenchiku kijun-hō, 建築基準法, Japans zentrales Bauordnungsrecht) oder Ähnliches verlangt, sondern lediglich als alter Brauch praktiziert. Ob man sie anbringt und wo man sie setzt, bleibt dem Ermessen des Bauherrn überlassen. Deshalb existieren auch zahlreiche Gebäude ohne Teiso. Das entspricht der Rechtslage im deutschsprachigen Raum, wo weder die Bauordnungen der Länder noch das Baugesetzbuch eine Grundsteinlegung vorschreiben.
Darf man Teiso am eigenen Wohnhaus anbringen?
Ein Teiso oder eine Grundstein-Kassette am Einfamilienhaus anzubringen, ist völlig unproblematisch. Es gibt die Auffassung, dass dies – als Gebet um Bausicherheit oder als Zeitkapsel, die an die Bauzeit erinnert – künftigen Generationen der Familie zur Freude gereicht. Bringt man sie an, ist es üblich, eine Gedenkplatte mit dem Datum der Fertigstellung und dem Namen des Bauherrn nahe dem Eingang oder an der südöstlichen Ecke zu setzen. Manche wählen die Position im Bewusstsein von kasō (家相, der traditionellen japanischen Hausphysiognomik) oder Feng Shui – ein Detail, das sich im DACH-Raum, wo die Ausrichtung eines Hauses überwiegend nach Besonnung und Grundstückszuschnitt entschieden wird, kaum findet.
Einfamilienhäuser erreichen in etwa nach mehreren Jahrzehnten die Zeit des Neubaus; dann könnte man mit dem Bauherrn selbst oder der nächsten Generation die Grundstein-Kassette öffnen – auch eine solche Art der Freude ist denkbar. Wenn man die Kosten und das Vorgehen beim Neubau eines Gebäudes frühzeitig kennt, lassen sich derartige Pläne leichter schmieden. Vielleicht wird schon die Zeit, in der die Familie gemeinsam berät, was hineinkommen soll, zu einer Gelegenheit, die Verbundenheit mit dem Zuhause zu vertiefen.
Hinweise aus Sicht der Immobilienprofis
Aus dem Blickwinkel des Gebäudes als Vermögenswert gibt es dagegen einige Punkte, auf die man achten sollte. Da in die Gedenkplatte personenbezogene Angaben wie der Name des Bauherrn und ein Datum eingemeißelt werden, geraten diese personenbezogenen Informationen beim Verkauf des Hauses – bleibt die Platte unverändert erhalten – in den Blick Dritter. Auch wir von INA&Associates prüfen den Umgang mit solchen Informationen sorgfältig, wenn wir mit einer Verkaufsberatung betraut werden. Für internationale Investoren ist dies ein anschauliches Beispiel dafür, dass in Japan selbst ein traditionelles Andenken heute im Licht des Datenschutzes zu betrachten ist.
Teiso selbst beeinflusst den Vermögenswert zwar nicht maßgeblich, doch der Wert eines Gebäudes verändert sich mit dem Lauf der Zeit. Zu verstehen, wie sich der Vermögenswert durch Alterung wandelt und wie man ihn erhält, ist sowohl für ein langes Weiterwohnen als auch mit Blick auf einen Verkauf hilfreich. Gerade weil Teiso ein Zeuge der Zeit ist, die ein Gebäude durchschritten hat, sollte man es zusammen mit dem Gebäude als Vermögenswert im Blick behalten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
F1. Ist die Anbringung von Teiso gesetzlich vorgeschrieben?
Für die Anbringung von Teiso besteht keine gesetzliche Pflicht. Sie wird als baulicher Brauch praktiziert; ob man sie anbringt und wo, bleibt dem Ermessen des Bauherrn überlassen. Deshalb gibt es zahlreiche Gebäude ohne Teiso.
F2. Was befindet sich im Inneren der Grundstein-Kassette?
Häufig werden Baupläne des Gebäudes, Zeitungen aus der Bauzeit, eine Namenstafel mit den Namen der Beteiligten sowie damalige Münzen und Banknoten eingelegt. Was hineinkommt, ist nicht festgelegt; man wählt – wie bei einer Zeitkapsel – Dinge, die die Bauzeit überliefern.
F3. Wann wird die Grundstein-Kassette geöffnet?
Die Grundstein-Kassette wird grundsätzlich bei Umbau oder Abriss des Gebäudes geöffnet. Nicht selten wird sie erst nach mehreren Jahrzehnten – bei großen Bauten fast nach hundert Jahren – zum ersten Mal geöffnet und wird zu einer wertvollen, an die damalige Zeit erinnernden historischen Quelle.
F4. Was bezeichnet das in Teiso eingemeißelte Datum?
Das in Teiso eingemeißelte Datum bezeichnet in den meisten Fällen den Tag, an dem die „Teiso-shiki“ (Grundsteinzeremonie) stattfand. Früher meißelte man das Datum des Baubeginns ein; da man die Zeremonie heute häufig in der Endphase abhält, ist zu beachten, dass es nicht zwingend dem Baubeginn oder der Fertigstellung entspricht.
